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А  Б  В  Г  Д  Е  Ж  З  И  Й  К  Л  М  Н  О  П  Р  С  Т  У  Ф  Х  Ц  Ч  Ш  Щ  Э  Ю  Я  AZ

 

Es ist nicht zu leugnen, daЯ auf diese Weise fьr den Augenblick einige sogar ьberraschend gьnstige Resultate fьr den Angeklagten sich erzielen lassen, damit stolzieren auch diese kleinen Advokaten herum und locken neue Kundschaft an, aber fьr den weiteren Fortgang des Prozesses bedeutet es entweder nichts oder nichts Gutes. Wirklichen Wert aber haben nur ehrliche persцnliche Beziehungen, und zwar mit hцheren Beamten, womit natьrlich nur hцhere Beamten der unteren Grade gemeint sind. Nur dadurch kann der Fortgang des Prozesses, wenn auch zunдchst nur unmerklich, spдter aber immer deutlicher beeinfluЯt werden. Das kцnnen natьrlich nur wenige Advokaten, und hier sei die Wahl K.s sehr gьnstig gewesen. Nur noch vielleicht ein oder zwei Advokaten kцnnten sich mit дhnlichen Beziehungen ausweisen wie Dr. Huld. Diese kьmmern sich allerdings um die Gesellschaft im Advokatenzimmer nicht und haben auch nichts mit ihr zu tun. Um so enger sei aber die Verbindung mit den Gerichtsbeamten. Es sei nicht einmal immer nцtig, daЯ Dr. Huld zu Gericht gehe, in den Vorzimmern der Untersuchungsrichter auf ihr zufдlliges Erscheinen warte und je nach ihrer Laune einen meist nur scheinbaren Erfolg erziele oder auch nicht einmal diesen. Nein, K. habe es ja selbst gesehen, die Beamten, und darunter recht hohe, kommen selbst, geben bereitwillig Auskunft, offene oder wenigstens leicht deutbare, besprechen den nдchsten Fortgang der Prozesse, ja sie lassen sich sogar in einzelnen Fдllen ьberzeugen und nehmen die fremde Ansicht gern an. Allerdings dьrfe man ihnen gerade in dieser letzten Hinsicht nicht allzusehr vertrauen, so bestimmt sie ihre neue, fьr die Verteidigung gьnstige Absicht auch aussprechen, gehen sie doch vielleicht geradewegs in ihre Kanzlei und geben fьr den nдchsten Tag einen GerichtsbeschluЯ, der gerade das Entgegengesetzte enthдlt und vielleicht fьr den Angeklagten noch viel strenger ist als ihre erste Absicht, von der sie gдnzlich abgekommen zu sein behaupteten. Dagegen kцnne man sich natьrlich nicht wehren, denn das, was sie zwischen vier Augen gesagt haben, ist eben auch nur zwischen vier Augen gesagt und lasse keine цffentliche Folgerung zu, selbst wenn die Verteidigung nicht auch sonst bestrebt sein mьЯte, sich die Gunst der Herren zu erhalten. Andererseits sei es allerdings auch richtig, daЯ die Herren nicht etwa nur aus Menschenliebe oder aus freundschaftlichen Gefьhlen sich mit der Verteidigung, natьrlich nur mit einer sachverstдndigen Verteidigung, in Verbindung setzen, sie sind vielmehr in gewisser Hinsicht auch auf sie angewiesen. Hier mache sich eben der Nachteil einer Gerichtsorganisation geltend, die selbst in ihren Anfдngen das geheime Gericht festsetzt. Den Beamten fehlt der Zusammenhang mit der Bevцlkerung, fьr die gewцhnlichen, mittleren Prozesse sind sie gut ausgerьstet, ein solcher ProzeЯ rollt fast von selbst auf seiner Bahn ab und braucht nur hier und da einen AnstoЯ, gegenьber den ganz einfachen Fдllen aber, wie auch gegenьber den besonders schwierigen sind sie oft ratlos, sie haben, weil sie fortwдhrend, Tag und Nacht, in ihr Gesetz eingezwдngt sind, nicht den richtigen Sinn fьr menschliche Beziehungen, und das entbehren sie in solchen Fдllen schwer. Dann kommen sie zum Advokaten um Rat, und hinter ihnen trдgt ein Diener die Akten, die sonst so geheim sind. An diesem Fenster hдtte man manche Herren, von denen man es am wenigsten erwarten wьrde, antreffen kцnnen, wie sie geradezu trostlos auf die Gasse hinaussahen, wдhrend der Advokat an seinem Tisch die Akten studierte, um ihnen einen guten Rat geben zu kцnnen. Ьbrigens kцnne man gerade bei solchen Gelegenheiten sehen, wie ungemein ernst die Herren ihren Beruf nehmen und wie sie ьber Hindernisse, die sie ihrer Natur nach nicht bewдltigen kцnnen, in groЯe Verzweiflung geraten. Ihre Stellung sei auch sonst nicht leicht, man dьrfe ihnen nicht Unrecht tun und ihre Stellung nicht fьr leicht ansehen. Die Rangordnung und Steigerung des Gerichtes sei unendlich und selbst fьr den Eingeweihten nicht absehbar. Das Verfahren vor den Gerichtshцfen sei aber im allgemeinen auch fьr die unteren Beamten geheim, sie kцnnen daher die Angelegenheiten, die sie bearbeiten, in ihrem ferneren Weitergang kaum jemals vollstдndig verfolgen, die Gerichtssache erscheint also in ihrem Gesichtskreis, ohne daЯ sie oft wissen, woher sie kommt, und sie geht weiter, ohne daЯ sie erfahren, wohin. Die Belehrung also, die man aus dem Studium der einzelnen ProzeЯstadien, der schlieЯlichen Entscheidung und ihrer Grьnde schцpfen kann, entgeht diesen Beamten. Sie dьrfen sich nur mit jenem Teil des Prozesses befassen, der vom Gesetz fьr sie abgegrenzt ist, und wissen von dem Weiteren, also von den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit, meist weniger als die Verteidigung, die doch in der Regel fast bis zum SchluЯ des Prozesses mit dem Angeklagten in Verbindung bleibt. Auch in dieser Richtung also kцnnen sie von der Verteidigung manches Wertvolle erfahren. Wundere sich K. noch, wenn er alles dieses im Auge behalte, ьber die Gereiztheit der Beamten, die sich manchmal den Parteien gegenьber in – jeder mache diese Erfahrung – beleidigender Weise дuЯert. Alle Beamten seien gereizt, selbst wenn sie ruhig scheinen. Natьrlich haben die kleinen Advokaten besonders viel darunter zu leiden. Man erzдhlt zum Beispiel folgende Geschichte, die sehr den Anschein der Wahrheit hat. Ein alter Beamter, ein guter, stiller Herr, hatte eine schwierige Gerichtssache, welche besonders durch die Eingaben des Advokaten verwickelt worden war, einen Tag und eine Nacht ununterbrochen studiert – diese Beamten sind tatsдchlich fleiЯig, wie niemand sonst. – Gegen Morgen nun, nach vierundzwanzigstьndiger, wahrscheinlich nicht sehr ergiebiger Arbeit, ging er zur Eingangstьr, stellte sich dort in Hinterhalt und warf jeden Advokaten, der eintreten wollte, die Treppe hinunter. Die Advokaten sammelten sich unten auf dem Treppenabsatz und berieten, was sie tun sollten; einerseits haben sie keinen eigentlichen Anspruch darauf, eingelassen zu werden, kцnnen daher rechtlich gegen den Beamten kaum etwas unternehmen und mьssen sich, wie schon erwдhnt, auch hьten, die Beamtenschaft gegen sich aufzubringen. Andererseits aber ist jeder nicht bei Gericht verbrachte Tag fьr sie verloren, und es lag ihnen also viel daran einzudringen. SchlieЯlich einigten sie sich darauf, daЯ sie den alten Herrn ermьden wollten. Immer wieder wurde ein Advokat ausgeschickt, der die Treppe hinauflief und sich dann unter mцglichstem, allerdings passivem Widerstand hinunterwerfen lieЯ, wo er dann von den Kollegen aufgefangen wurde. Das dauerte etwa eine Stunde, dann wurde der alte Herr, er war ja auch von der Nachtarbeit schon erschцpft, wirklich mьde und ging in seine Kanzlei zurьck. Die unten wollten es erst gar nicht glauben und schickten zuerst einen aus, der hinter der Tьr nachsehen sollte, ob dort wirklich leer war. Dann erst zogen sie ein und wagten wahrscheinlich nicht einmal zu murren. Denn den Advokaten – und selbst der Kleinste kann doch die Verhдltnisse wenigstens zum Teil ьbersehen – liegt es vollstдndig ferne, bei Gericht irgendwelche Verbesserungen einfьhren oder durchsetzen zu wollen, wдhrend – und dies ist sehr bezeichnend – fast jeder Angeklagte, selbst ganz einfдltige Leute, gleich beim allerersten Eintritt in den ProzeЯ an Verbesserungsvorschlдge zu denken anfangen und damit oft Zeit und Kraft verschwenden, die anders viel besser verwendet werden kцnnten. Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhдltnissen abzufinden. Selbst wenn es mцglich wдre, Einzelheiten zu verbessern – es ist aber ein unsinniger Aberglaube –, hдtte man bestenfalls fьr kьnftige Fдlle etwas erreicht, sich selbst aber unermeЯlich dadurch geschadet, daЯ man die besondere Aufmerksamkeit der immer rachsьchtigen Beamtenschaft erregt hat. Nur keine Aufmerksamkeit erregen! Sich ruhig verhalten, selbst wenn es einem noch so sehr gegen den Sinn geht! Einzusehen versuchen, daЯ dieser groЯe Gerichtsorganismus gewissermaЯen ewig in der Schwebe bleibt und daЯ man zwar, wenn man auf seinem Platz selbstдndig etwas дndert, den Boden unter den FьЯen sich wegnimmt und selbst abstьrzen kann, wдhrend der groЯe Organismus sich selbst fьr die kleine Stцrung leicht an einer anderen Stelle – alles ist doch in Verbindung – Ersatz schafft und unverдndert bleibt, wenn er nicht etwa, was sogar wahrscheinlich ist, noch geschlossener, noch aufmerksamer, noch strenger, noch bцser wird. Man ьberlasse doch die Arbeit dem Advokaten, statt sie zu stцren. Vorwьrfe nьtzen ja nicht viel, besonders wenn man ihre Ursachen in ihrer ganzen Bedeutung nicht begreiflich machen kann, aber gesagt mьsse es doch werden, wieviel K. seiner Sache durch das Verhalten gegenьber dem Kanzleidirektor geschadet habe. Dieser einfluЯreiche Mann sei aus der Liste jener, bei denen man fьr K. etwas unternehmen kцnne, schon fast zu streichen. Selbst flьchtige Erwдhnungen des Prozesses ьberhцre er mit deutlicher Absicht. In manchem seien ja die Beamten wie Kinder. Oft kцnnen sie durch Harmlosigkeiten, unter die allerdings K.s Verhalten leider nicht gehцre, derartig verletzt werden, daЯ sie selbst mit guten Freunden zu reden aufhцren, sich von ihnen abwenden, wenn sie ihnen begegnen, und ihnen in allem mцglichen entgegenarbeiten. Dann aber einmal, ьberraschenderweise ohne besonderen Grund, lassen sie sich durch einen kleinen Scherz, den man nur deshalb wagt, weil alles aussichtslos scheint, zum Lachen bringen und sind versцhnt. Es sei eben gleichzeitig schwer und leicht, sich mit ihnen zu verhalten, Grundsдtze dafьr gibt es kaum. Manchmal sei es zum Verwundern, daЯ ein einziges Durchschnittsleben dafьr hinreiche, um so viel zu erfassen, daЯ man hier mit einigem Erfolg arbeiten kцnne. Es kommen allerdings trьbe Stunden, wie sie ja jeder hat, wo man glaubt, nicht das geringste erzielt zu haben, wo es einem scheint, als hдtten nur die von Anfang an fьr einen guten Ausgang bestimmten Prozesse ein gutes Ende genommen, wie es auch ohne Mithilfe geschehen wдre, wдhrend alle anderen verlorengegangen sind, trotz allem Nebenherlaufen, aller Mьhe, allen kleinen, scheinbaren Erfolgen, ьber die man solche Freude hatte.
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